Warum heißt die Spandauer Vorstadt eigentlich Spandauer Vorstadt? Weil es die Stadt Richtung Spandau ist. Denn Spandau war die eigentliche Hauptstadt. Berlin ist keine gewachsene Stadt, Berlin ist eine Gründungsstadt. Damals existierte einerseits Köpenick mit dem Anschluss zur Spree und andererseits Spandau mit dem Anschluss zur Havel. Es gab noch keine Kanäle. Die Askanier  bauten dann aus strategisch-politischen Gründen auf einer Spreeinsel ein Fischerdorf aus und gründeten dort zwei Städte: auf der Insel Kölln und auf der Festlandseite Berlin. So ist Berlin entstanden. Und weil die Stadt immer größer wurde, hat man außerhalb der Stadtmauern gesiedelt. Durch den Bau der Vorstädte ist alles immer größer geworden. Und deshalb, weil Spandau die eigentliche Hauptstadt war, trägt alles in diese Richtung etwas mit Spandau im Namen: Die Spandauer Straße, die Spandauer Brücke und eben die Spandauer Vorstadt.
Nach dem Krieg war die Spandauer Vorstadt schwer zerstört. Es dominierte der Geruch von Fäulnis, Kartoffeln, Abfällen, angebrannten Plastik und im Winter Kohle. Erst war geplant, das ganze Viertel abzureißen: Die gesamte Spandauer Vorstadt und das Scheunenviertel sollte durch ein modernes Viertel mit Plattenbauten ersetzt werden.
Aber das Viertel war zu DDR-Zeiten vor allem bei Künstlern sehr beliebt. Alle haben hier gerne gelebt. Klar, das Theater war nicht weit weg, und die Mieten waren günstig. Manche Wohnungen waren noch im Originalzustand: mit Stuck und schönen alten Treppenhäusern. Alles war ein bisschen runtergewirtschaftet, aber ansonsten, vom Wohnen und Leben her, war es hier sehr angenehm.
Wenn man aber in den 80ern hier eine Wohnung gesucht hat, war es schwierig. Man musste ewig warten, oder, wenn man irgendwo einen Leerstand gefunden hatte, musste man die Tür aufbrechen und die Wohnung besetzen. Wenn eine Wohnung länger als drei Jahre leer stand, hat man nachträglich noch eine Legalisierung bekommen. Ist man aber zum Wohnungsamt gegangen, haben die gesagt, dass, wenn man in Mitte eine Altbauwohnung haben will, man mindestens zehn Jahre warten muss. In Marzahn allerdings wäre es möglich, nächstes Jahr irgendwo einzuziehen. Deshalb musste man eben andere Möglichkeiten finden, um hier bleiben zu können.
Es gab in dem Viertel auch so ein schönes Zusammengehörigkeitsgefühl. Es gab es viele Leute, die hier lange gemeinsam gewohnt haben. Die Männer auf den Parkbänken waren fast alles Kriegsheimkehrer, es kamen also mehrere Generationen zusammen, die gemeinsam in einem Haus wohnten. Jeder kannte jeden. Fast schon eine dörfliche Struktur. Das war schon anderes als heute.